Norwegen 2021 – Unterwegs im Land der Elektromobilität

Für einen Elektromobilitäts-Enthusiasten wie mich ist Norwegen ein ganz besonderes Land. Wegen der schon früh eingeführten ökonomischen Anreize gibt es in keinem Land der Welt einen höheren Marktanteil an Elektroautos. Im September 2021 hatten in Norwegen 92% aller neu zugelassenen PKW einen Ladeanschluss und 78% waren rein elektrisch. In diesem Beitrag möchte ich all jene Aspekte unserer Reise zum Nordkap festhalten, die nicht in die allgemeine Zusammenfassung gepasst hätten.

Neuzulassungen in Norwegen im September 2021. Quelle: OFV

Die Norwegische Regierung will ab 2025 keine Neuzulassungen von Verbrenner-PKW mehr erlauben. Ein derartiges Verbot dürfte sich aber erübrigen, da schon jetzt fast niemand mehr ein nichtelektrisches Auto kauft.

Der Elektro-Anteil am Fahrzeugbestand variiert regional deutlich. Im dünn besiedelten Norden des Landes lässt sich ein kleinerer Anteil an Elektro-PKW beobachten während im Süden die Menge an reinen Elektroautos äußerst beeindruckend ist.

Auf dem ersten Foto sind etwa 280 Fahrzeuge zu sehen, wovon ich die gut 140 rein elektrischen PKW mit einem grünen Punkt markiert habe. Dieser Anteil spiegelt sich auch im Straßenbild in und um Bergen wieder. Das zweite Bild zeigt den Mitarbeiterparkplatz eines Logistikunternehmens.

Neben der Anzahl sind mir ein paar Unterschiede zum österreichischen Bestand an Elektroautos besonders aufgefallen: Es gibt logischerweise deutlich mehr ältere Elektroautos wie Nissan Leaf, Mercedes A-Klasse und e-Golf. Verbrenner-Golf ist mir hingegen tatsächlich kein einziger aufgefallen. Interessant war auch, dass im Gegensatz zu Österreich in Norwegen fast keine Renault Zoe unterwegs sind. Auch Kia e-Niro sieht man selten, dafür scheinen Kia e-Soul umso beliebter. Von Modellen, die es mit unterschiedlichen Antrieben gibt, sieht man praktisch ausschließlich die elektischen. Das gilt für die genannten Autos von Kia wie auch zum Beispiel für den Hyundai Ioniq.

Ladeinfrastruktur

Natürlich gibt es in Norwegen mehr Ladeinfrastruktur als in Österreich, es war aber interessant zu sehen, wie diese verteilt ist.

Auffällig war vor allem, dass es nur relativ wenige öffentliche AC-Ladepunkte zu geben scheint. Im mittleren Stockwerk des Parkhauses am Bild oben befinden sich zwar über 100 Ladepunkte, an den Straßen findet man aber fast keine. Zum Vergleich: In Wien sind derzeit rund 1000 AC-Ladesäulen mit jeweils zwei Ladepunkten in Betrieb. Auch an Supermärkten und ähnlichem sind mir sehr wenig AC-Lademöglichkeiten aufgefallen. Das legt den Schluss nahe, dass die große Mehrheit der Autos daheim oder am Arbeitsplatz geladen wird.

Wovon es aber deutlich mehr gibt als bei uns, sind Schnellladestationen. Diese sind hauptsächlich an Tankstellen und bei Supermärkten zu finden. Die meisten öffentlichen Schnelllader leisten nur 50kW, was wohl am relativ hohen Alter der Infrastruktur liegen dürfte. In der Anfangszeit der Elektromobilität gab es ja auch praktisch noch keine Fahrzeuge, die höhere Ladeleistungen unterstützt hätten. Vor allem im Süden des Landes stehen inzwischen aber auch schon ausreichend viele Säulen mit 150kW und mehr, im Norden sind diese jedoch noch sehr rar, dort muss man sich mit nicht-Teslas weitestgehend mit 50kW begnügen. Das Supercharger-Netz von Tesla ist natürlich fast bis zum Nordkap perfekt ausgebaut, wie wir bei unserem Besuch am nördlichsten Supercharger Europas in Honningsvåg feststellen konnten.

Landestypisch sind die bushaltestellenähnlichen Häuschen, in denen die meisten Ladestationen zu finden sind. Das ist zwar nicht ganz vergleichbar mit dem Dach über Tankstellen, zum Nudeln kochen bei Regen ist es aber völlig ausreichend.

Am Ende unserer Reise haben wir noch eine „Bjørn Nyland-Ehrenrunde“ über Nebbenes, Espa und Dal gemacht.

Besonders beeindruckend war aber der Flagship-Standort von Circle K in Kongsbergporten. Hier hat man eine Ladestation mit Dach (inkl. PV), Staubsauger, Shop, Lounge und WC errichtet, die als Vorbild für zukünftige Standorte dienen soll. Ganz hinten stehen auch noch drei Zapfsäulen.

Anbieter und Kosten

Hier wurde deutlich, wie sich der Markt über die Jahre konsolidiert hat, was bei uns wohl noch etwas dauern wird.

Es gibt in Norwegen primär fünf Anbieter von öffentlicher Schnellladeinfrastruktur: Fortum, Mer, Bilkraft, CircleK und Ionity, wobei CircleK und Ionity fast nur im Süden zu finden sind. Alle Anbieter rechnen nach gelieferter Energie in kWh ab und manche haben eine zusätzliche Zeitkomponente, um das Blockieren der Säulen zu verhindern. Die Preise betragen bei Fortum, Mer und Bilkraft rund 0,38€/kWh, bei CircleK 0,49€/kWh und bei Ionity die üblichen unverschämten 0,79€/kWh. An den Tesla Superchargern haben wir zwischen 0,29€/kWh und 0,41€/kWh bezahlt. Die Preise sind dynamisch und verändern sich je nach Standort, Tageszeit und Auslastung. Obwohl Haushaltsstrom in Norwegen mit 0,13€/kWh wesentlich billiger ist als in Österreich (0,20€/kWh) sind die Preise für Schnellladen überraschend ähnlich wie hier. Wegen der sehr hohen Kosten für fossile Treibstoffe (1,80€/l bzw. 1,95€/l) ist der Betrieb eines Elektroautos aber trotzdem deutlich günstiger.

Wir haben zum Laden die Apps der jeweiligen Anbieter benutzt. Das hat zwar gut funktioniert, man sollte sich aber schon vor der Abreise Gedanken darüber machen. Fortum, Mer und Bilkraft ließen sich problemlos auf meinem iPhone installieren, bei CircleK war das aber nicht so einfach. Deren App ist nicht im Österreichischen App Store bzw. Play Store verfügbar. Dank einer Anfrage beim Elektromobilitätsclub Österrereich hat es aber trotzdem geklappt: Ich habe mir die APK-Datei der CircleK-App heruntergeladen und auf einem Android-Telefon manuell installiert, das wir extra dafür dabei hatten. Wer dabei Hilfe braucht, möge das Kontaktformular nutzen. Die Registrierung in den Apps mit nicht-Norwegischen Kreditkarten war möglich, nur bei der Anschrift musste man sich teilweise eine Norwegische Fantasieadresse ausdenken.

Ladestrategie

Wir haben keine besondere Ladestrategie verfolgt sondern haben meistens einfach dann geladen, wenn sich die Möglichkeit geboten hat. Ich habe auch gerne 50kW-Säulen genommen, da die Superscharger oft schneller waren als wir mit dem Einkauf oder dem Essen. Manchmal haben wir einen Supercharger verwendet, obwohl die 50kW-Säule daneben ausgereicht hätte. Wir wollten aber keinen „öffentlichen Lader“ blockieren, wo wir doch die Supercharger nutzen konnten.

Tesla Camp Mode

Die meisten Nächte haben wir im Auto geschlafen und dabei hat der Camp Mode des Tesla großartige Dienste geleistet. Wir haben etwa 19°C eingestellt und das Auto hat diese Temperatur über nacht konstant gehalten. Die Lüftung läuft dabei fast unhörbar leise und verursacht auch keinen unangenehmen Zug.

Eine Nacht bei Außentemperaturen von 0°C bis 7°C kostete rund 10% des Akkustandes, was in etwa 7kWh entspricht. Dank der Wärmepumpe im Model 3 kann man den Energieverbrauch reduzieren, indem man abends noch kurz an einen Schnelllader fährt, wobei der Akku geheizt wird und das Auto dann diese Wärme nutzen kann, um den Innenraum zu beheizen. Wir haben daher meist das Abendessen gleich zum Laden genutzt:

Unsere Reise in Zahlen

Anzahl der Ladungen57
Anzahl der Ladungen – Verhältnis AC/DC12 / 45
DC-Ladedauer (Median)22 min
Start-SoC (Median)26 %
End-SoC (Median) 73 %
Strecke zwischen Ladungen (Median)201 km
Geladene Energie1749 kWh
Geladene Energie – Verhältnis AC/DC289 kWh / 1460 kWh
Preis (Mittelwert für NO, exkl. Gratis-Ladungen) 0,37 €/kWh
Preis Supercharger in NO0,29…0,41 €/kWh
Preis nicht-Supercharger in NO0,38…0,54 €/kWh
Kosten für Ladestrom insgesamt565 €

Grafiken

Diverse Bilder


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